Beiträge vom 15.04.20

Wir gehen laufen!

Zugegeben, es ist momentan nicht immer einfach, sich zum Training zu motivieren. Kein Lauf in der Gruppe mit vertrauten Mitstreitern und Freunden möglich, kein manchmal gehasstes, jetzt vermisstes Tempotraining im Stadion auf der Tartanbahn. Aber als eindimensionaler Leichtathlet, sprich Läufer, hat man dann doch noch den einen oder anderen Vorteil: Man braucht weder zwingend Geräte noch eine Mannschaft zum Trainieren und die Natur ist unter Einhaltung der aktuellen Restriktionen noch rund um die Uhr geöffnet. Aber es stellt sich trotzdem immer wieder die Frage, wofür? Eine um die andere Veranstaltung, zu der man sich angemeldet hat und auf die man hintrainiert, wird nicht nur verschoben, sondern ganz abgesagt. Man wird seiner Ziele beraubt.

Nein, solche Gedanken sind fehl am Platz. Natürlich befindet sich die ganze Welt momentan in einem Ausnahmezustand und gewohnte Tagesabläufe sind nicht mehr möglich. Bei vielen kommen auch existenzielle Ängste noch hinzu, als ob es nicht bereits so schon schlimm genug wäre. Gerade deshalb ist es wichtig, dass man sich seinen Optimismus bewahrt und, wo es möglich ist, gewohnte Abläufe beibehält. Familie, Homeoffice - 24/7 in seinen vier Wänden eingesperrt - hält so manche Spannungen und Konflikte bereit. Da ist es oftmals hilfreich, rauszugehen und sich in der momentan explodierenden Natur den Kopf durch- und freizupusten.

Ich habe vor einiger Zeit meine neue Laufliebe Trailrunning gefunden und wollte mich dieses Jahr wettkampftechnisch mit der einen oder anderen Ultradistanz auseinandersetzen, um diese Liebe noch intensiver zu spüren… oder sie vielleicht auch auf die Probe stellen? Dabei geht es mir nicht vorrangig um Platzierungen auf irgendwelchen Ergebnislisten. Der Wettkampf findet hier im Kopf statt und das Ziel ist der Sieg von Geist über Körper. Diese Auseinandersetzung in einer wunderschönen, atemberaubenden Bergwelt führen zu dürfen (ja, dürfen - man quält sich ja tatsächlich freiwillig) und gefüllt mit Eindrücken und Emotionen die Ziellinie zu überqueren, ist für mich Sieg und Preis genug. Von „meinen“ drei großen Wettkämpfen ist aktuell nur noch einer übrig. Die anderen zwei, welche mir den Weg zum dritten und längsten und somit sicher auch härtesten hätten bereiten sollen, wurden bereits abgesagt. Ob dieser stattfinden wird oder auch noch dem Virus zum Opfer fallen wird, bleibt abzuwarten.

Aber ich laufe trotzdem oder gerade darum und suche auf meinen Runden auch mal den einen oder anderen neuen Trail… manchmal ist da auch auf einmal keiner mehr. Egal, dann läuft man eben „seinen“ Weg - wie im richtigen Leben. So ziehe ich meine einsamen Runden durch den Wald, über die Alb zu meinen Hausbergen Roßberg, Filsenberg, Bolberg, Farrenberg, Dreifürstenstein, an die Wasserfälle, auf die Salmendinger Kapelle und und und - wobei so richtig einsam sind sie gar nicht. Es waren gefühlt noch nie so viele Menschen in der Natur unterwegs wie in den letzten Tagen und Wochen - im Vertrauen auf ein sportliches Leben nach dem Virus. Wenn nicht dieses Jahr mehr, dann eben nächstes Jahr.

Also, legt euer Training nicht so kurzfristig an. Vielleicht muss man sich in der aktuellen Situation auch von den Wettkämpfen und dem Miteinander messen etwas lösen. Denkt langfristig, denkt an die vielen Sportevents, die noch kommen werden - vielleicht nicht morgen, dann aber übermorgen - und trainiert weiter. Statt mit der Eisenkugel im Stadion vielleicht mal mit einem Stein im Wald, statt Weitsprung in die Sandgrube mal über einen Bach (ob Anlauf und Absprung passen, merkt ihr dann schon…). Es gibt schon Möglichkeiten, man muss sie nur sehen.

…und wir Läufer machen eben das, was wir immer machen: Wir gehen laufen!

15.04.20 1